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Aktuelle Diskussionen über die Wirksamkeit von Cybersecurity-Awareness wurden durch medienwirksame Berichterstattung erneut angefacht. Besonders deutlich wird dies durch einen Artikel im Wall Street Journal, der sich auf die Studie „Understanding the Efficacy of Phishing Training in Practice“ stützt und die Frage aufwirft, ob Phishing-Simulationen und Awareness-Trainings tatsächlich zu einer relevanten Reduktion des Risikos führen.
Die Debatte an sich ist sinnvoll und notwendig. Die daraus gezogenen Schlussfolgerungen erfordern jedoch eine deutlich differenziertere Betrachtung.
Eine wachsende Zahl empirischer Untersuchungen zeigt, dass gut konzipierte Cybersecurity-Awareness-Programme das sicherheitsrelevante Verhalten im realen Umfeld messbar verbessern. Was dabei häufig nicht funktioniert, ist weniger Awareness an sich, sondern ein zu enges Verständnis davon, was Awareness bedeutet, wie sie organisatorisch verankert werden sollte und anhand welcher Kriterien ihr Erfolg bewertet wird.
Ein wirksamer Schutz vor Phishing und Social Engineering entsteht nicht durch isolierte Schulungskampagnen. Er ist das Ergebnis einer gelebten Cybersecurity-Kultur in Verbindung mit einer belastbaren Cybersecurity-Governance. In reifen Organisationen ist Awareness ein Bestandteil eines umfassenden sozio-technischen Systems, das unter anderem folgende Elemente umfasst:
Gut konzipierte und intelligent umgesetzte Cybersecurity-Awareness-Maßnahmen sind ein zentraler Enabler dieses Systems – sie sind jedoch nicht das System selbst.
Trainingsmodule und Phishing-Simulationen sind daher als Werkzeuge zu verstehen, nicht als Lösungen. Ihr Zweck besteht darin, Wahrnehmung zu schärfen, Verhaltensnormen zu festigen und Mitarbeitende gezielt und kontrolliert mit realistischen Risiken zu konfrontieren. Werden sie in Governance und Unternehmenskultur integriert, erhöhen sie die organisatorische Resilienz. Werden sie hingegen als reine Pflichtübungen betrachtet, verkommen sie zu bloßem Compliance-Theater.
Viele kritische Bewertungen von Awareness-Programmen gehen implizit von einem linearen Zusammenhang aus:
Wissen → Awareness → sicheres Verhalten
Die Verhaltensforschung zeigt jedoch, dass diese Annahme insbesondere im Cyberkontext nicht zutrifft.
Empirische Studien kommen konsistent zu folgenden Ergebnissen:
Diese Unterscheidung ist grundlegend. Wird die Wirksamkeit von Awareness über Umfrageergebnisse oder kurzfristige Klickraten gemessen, werden psychologische Konstrukte miteinander vermischt, die sich unter realen Angriffsbedingungen sehr unterschiedlich verhalten.
Die Studie „Understanding the Efficacy of Phishing Training in Practice“ ist methodisch sauber, sorgfältig durchgeführt und wissenschaftlich integer. Sie verdient Anerkennung für ihre Stringenz und Transparenz.
Gleichzeitig relativieren zwei zentrale Einschränkungen ihre weitergehenden Schlussfolgerungen erheblich:
Wir verstehen die Studie daher als Fallstudie, nicht als belastbaren Gegenbeweis zur Wirksamkeit von Cybersecurity-Awareness insgesamt.
Der Wall Street Journal-Artikel stellt zutreffend fest, dass viele Awareness-Programme hinter ihren Erwartungen zurückbleiben. Die Ableitung eines allgemeinen Urteils über die Effektivität von Awareness aus einer schmalen empirischen Basis ist jedoch der Punkt, an dem die Argumentation fragil wird.
In Branchen wie der Luftfahrt, dem Gesundheitswesen oder der industriellen Sicherheit ist seit Langem bekannt, dass Trainingserfolg eine Funktion von Design, Realismus, Wiederholung und systemischer Einbettung ist.
Cybersecurity bildet hier keine Ausnahme. Was in der Praxis typischerweise nicht funktioniert, sind:
Was hingegen wirkt, sind governance-orientierte, verhaltensfokussierte und exponierungsbasierte Programme, die fest in eine lebendige Sicherheitskultur eingebettet sind.
Erst im Zusammenspiel dieser Elemente wird Awareness zu einem messbaren Mechanismus zur Risikoreduktion – und nicht zu einer rein symbolischen Maßnahme.
Richtig konzipiert und wirksam gesteuert eliminiert Cybersecurity-Awareness Risiken nicht vollständig – sie reduziert jedoch nachweislich die am häufigsten ausgenutzte Angriffsfläche: menschliches Verhalten.
References
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